Der Stahlhandel wird seine Performance steigern

Phillip Isenbart, Chefredakteur der Fachzeitschrift stahlmarkt, Verlag Maenken Kommunikation, im Gespräch mit Valentin Kaltenbach, CEO der KALTENBACH.SOLUTIONS GmbH:

 

Ob Corona, Handelskonflikte oder immer strengere Umweltstandards: Die Stahlbranche steht vor großen Herausforderungen. Doch bieten sich auch Chancen – etwa durch die Digitalisierung. Was das für den Stahlhandel bedeutet, darüber sprach der »stahlmarkt« mit Valentin Kaltenbach, dem geschäftsführenden Gesellschafter des auf die Stahlbranche spezialisierten B2B-Internetdienstleisters KALTENBACH.SOLUTIONS GmbH.

Phillip Isenbart: Guten Tag, Herr Kaltenbach. Was sind aus Ihrer Sicht zurzeit die großen Entwicklungen in der Stahldistribution?

Valentin Kaltenbach: Zu den strategischen Herausforderungen, die die Stahldistribution bewältigen muss, gehört das Erreichen einer hohen Liefertreue bei steigender Anarbeitung und hoher Materialverfügbarkeit. Dabei sollen die Preise wettbewerbsfähig und auch die internen Kosten im Rahmen bleiben. Der zunehmende Kostendruck macht eine Fokussierung auf diese Kernkompetenzen notwendig. Aus unserer Sicht ist die Digitalisierung eine der großen positiven Entwicklungen im Stahlhandel – sie kann den Unternehmen dabei helfen, individuell passende Lösungen zu implementieren. Der Stahlhandel wird seine Performance steigern, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Phillip Isenbart: Vor welchen Herausforderungen steht die Branche?

Valentin Kaltenbach: Die Corona-Krise wirkt meiner Meinung nach wie ein Zeitraffer, der neue Entwicklungen beschleunigt, die sonst erst mit einer gewissen Verzögerung auf uns zugekommen wären. Zusätzliche Themen wie die Vision einer CO2-neutralen Produktion in Europa und die Verschiebungen auf den globalen Märkten durch Abschottung kommen noch hinzu. Die Branche steht jetzt vor der Herausforderung, schnell zu reagieren. Wir haben schon heute zuverlässige neuartige Werkzeuge, mit denen sich diese großen Aufgaben bewältigen lassen.

Phillip Isenbart: Wo sehen Sie Chancen für den Stahlhandel?

Valentin Kaltenbach: Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, den Erfolg aktiv zu steuern. Die aktuelle Marktlage kann gezielt als Chance genutzt werden, um die eigene strategische Positionierung nach vorne zu bringen. Digitale Lösungen helfen den Unternehmen dabei, die Beziehungen zum Kunden zu festigen, indem sie wichtige strategische Erfolgsfaktoren wie hohe Liefertreue und niedrige Kosten in den Fokus rücken. Mit unserer Expertise und einer an den jeweiligen Standort angepassten Vorgehensweise sind Performance-Steigerungen von 30 Prozent und mehr in kurzer Zeit umsetzbar. Wir wissen, dass jedes Unternehmen anders ist und berücksichtigen dies bei der individuellen Projektierung und Umsetzung.

Phillip Isenbart: Hält die Digitalisierung inzwischen stärkeren Einzug in den Stahlhandel – oder haben Sie den Eindruck, dass sich die Branche noch schwer damit tut?

Valentin Kaltenbach: Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Im Bereich der klassischen Digitalisierung ist die Branche schon weit ausdifferenziert und verfügt über spezifische und hocheffiziente Branchenlösungen, beispielsweise für die Optimierung von Lager und Logistik oder für die Tourenplanung. Was die neuartige Digitalisierung mit den Schwerpunkten Industrie 4.0, DataAnalytics, Machine Learning und KI angeht, unternimmt der Stahlhandel derzeit große Schritte. Unsere Kunden stehen diesen Themen grundsätzlich sehr offen gegenüber und die Umsetzungsgeschwindigkeit in den Projekten ist hoch.

Phillip Isenbart: Was gibt es Neues im Bereich Auslastungs- und Kapazitätsmesstechnologie für die Stahlbranche?

Valentin Kaltenbach: Die KALTENBACH.SOLUTIONS GmbH bietet innovative branchenspezifische Plug & Play-Lösungen an, um die Performance und die Auslastung von Maschinen in der Anarbeitung zu messen. Erst die genaue Datenerfassung macht vorhandenes Potenzial sichtbar. Auch die Intralogistik wird durch Messungen an Krananlagen und Lagersystemen transparent, denn häufig liegen die Engpässe in der Intralogistik und nicht im Bereich der Maschinen.

Phillip Isenbart: Inwieweit ist Ihre Software »Steel-Suite« eine Branchenlösung?

Valentin Kaltenbach: Alle unsere Software-Lösungen werden grundsätzlich an die speziellen und individuellen Bedürfnisse unserer Kunden aus dem Stahlhandel angepasst. Mit der »Steel-Suite« konzentrieren wir uns auf den Bereich Lager/Logistik/Operations sowie auf die Schnittstellen zu den angrenzenden Fachbereichen. Zunächst messen wir alle Daten der angeschlossenen Maschinen und Anlagen und stellen diese übersichtlich dar. Danach erfolgt die Analyse und zuletzt die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse – immer mit dem Ziel, den betriebswirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens auszubauen.

Phillip Isenbart: Die KALTENBACH.SOLUTIONS GmbH gibt es seit knapp drei Jahren. Welche Geschichte steht hinter der Gründung?

Valentin Kaltenbach: Ich komme aus einer Familie technikbegeisterter Unternehmer, die sich schon immer an den Bedürfnissen des Marktes und der Zeit orientiert haben. Diese Leidenschaft für ständige Veränderung und Verbesserung ist auch mein Antrieb. Mein früheres Unternehmen hat den Kunden neue Maschinen und Fertigungstechnologien zur Verfügung gestellt, mit denen sie ihre Herausforderungen im Bereich der Anarbeitung bewältigen konnten. Heute bieten wir digitale Gesamtlösungen an und steigern damit die Performance bestehender Maschinenparks. Aus dem Maschinenbau kommend sind wir in die Welt der Digitalisierung eingetaucht – das macht uns einzigartig. Auf der Basis unseres fundierten Branchenwissens bieten wir kreative Lösungen mit höchstem betriebswirtschaftlichem Nutzen.

Phillip Isenbart: Was sind die bisherigen Meilensteine Ihrer jungen Unternehmensgeschichte?

Valentin Kaltenbach: Ein großer Schritt war die Markteinführung der MES-Business- Lösung »Steel-Suite«. Seither konnten wir zahlreiche namhafte Konzerne und Mittelständler als Kunden gewinnen. Aktuell bereiten wir gerade den nächsten Produkt-Launch vor. Dabei geht es um das Schließen digitaler Lücken zwischen ERP-Systemen und der Maschinenwelt. In diesem Bereich sehen wir noch viel Potenzial zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung.

Phillip Isenbart: Erzählen Sie uns kurz von Ihrem Projekt »DASHBOARD«.

Valentin Kaltenbach: Das »Dashboard« ist in Verbindung mit der »boosterBOX« unser Premium-Produkt. Mit Hilfe der Plug & Play-Lösung lässt sich die Performance von Maschinen aller Hersteller in übersichtlichen Dashboards darstellen. Inzwischen haben wir so schon bei über 100 Maschinen Transparenz geschaffen. Dieser erste Schritt ist die Basis für das Performance-Management unserer Kunden. Die Implementierung erfolgt innerhalb von wenigen Tagen – ganz ohne Vorlaufzeiten und Sekundärkosten für Projektleitung oder Schulungen.

Phillip Isenbart: Wagen wir abschließend einen Blick in die Kristallkugel: Wie wird die Digitalisierung den Stahlhandel in den kommenden zehn Jahren verändern?

Valentin Kaltenbach: Meiner Ansicht nach kann man den Digitalisierungsprozess einer Branche in drei Phasen einteilen. Zuerst wird die Effizienz durch den Einsatz digitaler Werkzeuge gesteigert. Dazu gehört beispielsweise die Ausweitung bestehender ERP-Lösungen und der Einsatz webbasierter Dienstleistungen. In der zweiten Phase werden vorhandene analoge Produkte mit digitalem Mehrwert angereichert. Beispiele hierfür wären im Stahlhandel Smart Materials oder im Maschinenbau Apps für Wartung und Instandhaltung. In der dritten Phase wird der Kern des Unternehmens digitalisiert. Ich denke dabei an Plattformanbieter wie booking.com für Übernachtungsmöglichkeiten oder FreeNow für Mobilität – und an den Weg, den mein eigenes Unternehmen gegangen ist. Es ist gut möglich, dass auch die Stahlbranche diese Schritte durchläuft. Wirtschaftliche Hochphasen wirken dabei tendenziell verlangsamend, Krisenzeiten eher beschleunigend.